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Kreativ-Schreibstudio Dr. Aide Rehbaum Lesetipps
impressum  © rehbaum 2017

Rezensionen

Christian Schärf, Spannend schreiben. Krimi, Mord- und Schauergeschichten Der Autor, außerplanmäßiger Professor am Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft an der Uni Hildesheim, zeigt in dem schmalen Bändchen, wie das Abgründige und Rätselhafte vermittelt werden kann. Teil I und II beschäftigt sich mit dem Thriller, Teil III mit dem Detektivroman, Teil IV mit der Entwicklung des Plots und Teil V mit dem Leser von Sparten- und Regionalkrimis. Vom packenden Anfang bis zur Entwicklung des Plots, den er als Wettstreit oder als Labyrinth identifiziert, werden die Werkzeuge, die Spannung entwickeln dargestellt: Hinweise durch Wetter, verstörende Details am Schauplatz und der Persönlichkeit der Protagonisten,  Gefühle des Fremdseins verwandeln Bekanntes in Böses. Schärf baut auf den Lerneffekt durch Nachahmung und die Entwicklung strategischen Bewusstseins, indem die Perspektiven, Charaktere und Tatmotive in den Aufgaben variiert werden sollen. Ziel ist es, den Leser dazu zu bringen, alle Energien auf die Figuren zu übertragen. „Es geht nicht darum, eigene Befindlichkeit auszubreiten, Weltverhältnisse abzubilden oder die Grausamkeit neue Höhepunkte feiern zu lassen.“ Vornehme Gesellschaften in entlegenen Landhäusern und ein Ermittler, der seine Schlüsse aus den Personen herausfragt, elektrisieren nur noch wenig. Der Leser möchte heute psychologisch ausgefeilte Charaktere und gründliche Recherchen der sachbezogenen Lebenswelten. Der Ermittler bleibt nicht mehr wie Hercule Poirot bei Agatha Christie der neutrale allwissende Beobachter sondern ist selbst eine gebrochene Persönlichkeit. Überholt ist die Auffassung von Willard Huntington Wright, der literarisches Verweilen bei Nebensächlichkeiten, Charakteranalysen und Atmosphäre für verzichtbar hielt. Interessant sind schließlich auch Spuren und Details, die den Leser in die Irre führen oder die Handlungsweise des Ermittlers nicht nur bei Ergreifung des Täters glaubhaft machen und ihn gesellschaftlich verankern. Schärfs Schreibaufgaben, die an jedem Kapitel anhängen, beziehen sich auf die literarischen Vorbilder und richten sich an den fortgeschrittenen Schreiber, der Anfänger wird überfordert sein. Die Beispiele aus der Literaturgeschichte veranschaulichen die Wandlung der Lesererwartung und die Kniffs, mit denen Grauen, Angst und Spannung erzeugt werden. Insofern führt der Text auch zu einem bewussteren Lesen. Günter Wallraff, Aus der schönen neuen Welt. Ein Jahr lang ist Günter Wallraff, der bekannte Enthüllungsjournalist, als Afrika-ner zurechtgemacht durch Deutschland gereist und herausgekommen sind dabei magere 48 Seiten. Die übrigen eindrucks-vollen Repor-tagen des Buches möchte ich hier außer Acht lassen. Mag sein, dass er nur das Spektakulärste herausgepickt hat und seinem Film nicht vorgreifen wollte. Wie ich selbst erlebt habe, wird Weißen in schwarzer Umgebung ein Sympathiebonus entgegengebracht, ein Schwarzer in Deutschland sieht sich unvorbereitet mit dem Gegenteil konfrontiert. Es braucht ein starkes Selbstwertgefühl, um den Dauerbeschuss wegzustecken. Wie es Wallraff andeutungsweise in den Luxusgeschäften in Düsseldorf erlebte, bietet Geld wie überall günstigere Voraussetzungen: ein guter Job, Eigenheim, keine öffentlichen Verkehrsmittel, Golfclub statt Fußballstadion. Wallraff weiß, dass er jederzeit aus seiner Rolle herausschlüpfen kann. Er summiert rassistische Bemerkungen, die teilweise nicht ihm ins Gesicht gesagt sondern hinter dem Rücken geäußert worden sind. Am Ende empfindet er es dennoch in einem Biergarten fast als Auszeichnung, genauso bedient zu werden wie alle andern. Wer hat schon mal einen schwarzen Touristen gesehen? Ich hatte mal einen in meiner Begleitung, was an der Mosel dazu führte, dass sich die komplette Kundschaft einer Metzgerei wie auf Kommando umdrehte und mit offenem Mund durchs Schaufenster nach draußen glotzte, während wir die Fachwerkfassade bewunderten. Da kommt man sich vor wie Cook bei Eroberung der Südsee. Angegriffen wurden wir von den Eingeborenen nicht. Das Buch zeigt typisch deutsche Lebensräume. Gut, unter Dauercamper und Schrebergartenbesitzer würde ich mich selbst als weiße Deutsche ungern mischen, weil ich weiß, mit welcher Gesinnung dort zu rechnen ist. Solche Situationen lassen sich vermeiden. Die Verwechslung mit einem Kellner wäre möglicherweise in Bonn nicht passiert, wo die Bevölkerung jahrelange Erfahrung mit Diplomaten hat. Die Situation bei der unvermeidlichen Wohnungssuche hat sich offensichtlich seit den 60er Jahren wenig geändert. Vielleicht hat Wallraff die tausenderlei unscheinbaren Zurücksetzungen tagtäglich nicht als solche wahrgenommen, die abgewiegelt werden, sobald jemand darauf angesprochen wird: Weswegen reichen viele einem Schwarzen nur die Fingerspitzen, zählen ihm das Wechselgeld nicht in die Hand, lassen den Sitzplatz neben ihm möglichst frei? Die Tochter erhält im Schultheater die Hauptrolle als Aschenputtel mit der Begründung, weil man sie nicht erst dreckig schminken muss. Sagt man jemandem, dessen Haut solcherart bereits abgezogen ist: Sei nicht so empfindlich...War doch nur Spaß? Wallrafs Fazit stimmt sicher: viele Menschen brauchen in unserem Lande den Rassismus als ideologisches Klebemittel, um sich ihrer eigenen „nationalen“ Identität zu versichern. Als schwarzer Arbeitnehmer hätte er unter Umständen die Erfahrung machen können, dass die türkischen Landsleute aufgerückt sind. Ganz unten sind jetzt andere. Wie blind ist die Menschheit, um einen angemalten Weißen für einen Schwarzen zu halten. Das beweist, dass Schwarze noch nicht einmal angesehen werden. Ich erinnere mich an das Erstaunen eines Nigerianers auf dem Weg zu seinem ersten Karnevalszug in Bonn: „Hast du das gesehen, die Verkleideten haben mir richtig in die Augen geschaut!“ – Ja, klar, sie wollten sehen, wie ihr Kostüm wirkt. Wie es sich als Schwarzer hier lebt, hat Wallraff höchstens in oberflächlichen Ansätzen ahnen können. Vita Sackville-West, Zwölf Tage in Persien. Reise über die Bakhtiari-Berge 139 Seiten, Wagenbach 2011, ISBN 978-3-8031-1280-4 Vita Sackville-West, bekannt durch ihre enge Freundschaft zu Virginia Woolf, verfasste einige Reiseberichte, die zu Klassikern dieses Genres wurden. Sie heiratete 1913 den Diplomaten Harold Nicolson, dem sie nicht wie üblich von einem Dienstort zum anderen folgte, sondern nur Besuche abstattete. Der wieder aufgelegte Bericht entstand bei ihrem zweiten Besuch 1927. Ihre romantischen Ansprüche treiben die Autorin in Gegenden, in denen noch kein Weißer zuvor gewesen ist, von denen man noch nie gehört hat. Mit dem Wagen zu fahren bedeutet zu nahe an der Zivilisation zu sein, eine Maultierkarawane sollte es schon sein. Mit vier Bekannten, sechs Bediensteten und einer Ausrüstung bestehend aus zwei Betten, zwei Schlafsäcken, einem Klappstuhl, einem Wassersack, zwei Feldflaschen, einer Waschschüssel, der Kamera und einer Amphore voll Aprikosenmarmelade begibt sie sich in den östlichen Teil des Zagrosgebirges. Sicherheitshalber besaß die Gruppe einen Brief der Khane, der dem gesamten Volk der Bakhtiari mit Vergeltung drohte, wenn den Ausländern etwas passieren sollte. Wir lernten eine ganze Menge, schreibt sie, z.B. auf wie viele Dinge man verzichten kann; noch ein paar Tage länger und sie hätten in ihren Kleidern geschlafen. Ihr Bericht wird farbig durch die vielerlei Gedanken, die sich eine Lady zu Anfang des 20. Jahrhundert beim Reisen machte. Dabei schimpft sie durchaus über nasse Zelte, schlammigen Boden und Kälte. Die unwirtliche Gebirgslandschaft wird von Wanderhirten durchzogen (abwechselnd "Wüste mit Steinen oder Wüste ohne Steine"), denen ihr Interesse gilt. Der poetische Anblick erinnert sie an biblische Zeiten und je abgelegener der Ort, umso größer empfindet sie seine Magie. Hier schließen sich Träume vom zurückgezogenen Leben an. Sie kam zwar in keine kritische Situation, gesteht aber dass Blutlachen am Wegesrand, über deren Herkunft sie rätselt,  kein seltener Anblick waren. Selbst die Geier, die über der Reisegruppe kreisten, weckten bald  keine Aufmerksamkeit mehr. Wir erfahren etwas über die alten Sitten, die zum Zeitpunkt der Reise in Auflösung begriffen sind, beispielsweise werden die Babys nicht mehr ungesäubert wochenlang in Windeln eingeschnürt, doch erfolgen die Änderungen nur aus Angst vor dem Gesetz nicht aus Einsicht. Ein besonderes Vergnügen bereitet ihr, Blumenzwiebeln und Ableger zu sammeln, um sie im heimischen Garten einzupflanzen. Am liebsten möchte sie zu Hause mit der Herkunft der Gewächse prahlen, wenn sie Freunde durch ihren Garten führt. Mit viel Selbstironie gewürzt ist ihr Bedürfnis, selbst im dicksten Abenteuer ihren Fünf-Uhr- Tee zu bekommen. Gegen Ende der Reise stellt sie müßige Überlegungen darüber an, ob die ärmliche Abgeschiedenheit der Bergbewohner nicht besser zu schützen wäre vor dem Einbruch der Moderne. Heute wissen wir, dass ihre Beschreibung den Beginn der Ölindustrie zeigt. Eines der von ihr beschriebenen Dörfer zählt heute mehr als 40.000 Einwohner und ist ein Umschlagplatz für Teppiche. Da dem durchschnittlichen Leser dieses vergnüglichen Bändchens Persien sicher nicht so vertraut ist, wäre eine Karte der Route wünschenswert gewesen.
Eleonore Trenkler, Leben und Arbeiten am Hof Haile Selassies  I . Lore Trenkler : Erinnerungen 1960-1975. Rudolf Agstner (Hg.), Wiesbaden 2011 Der Karlsruher Virtuelle Katalog stuft das Buch als Erlebnisbericht ein und unter diesem Blickwinkel muss man den Text der ehemaligen Köchin am äthiopischen Kaiserhof betrachten. Hungrig nach Abenteuern in Afrika bewarb sich die Diätköchin der Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim auf eine Stellenanzeige und gelangte so nach Äthiopien. Sie schrieb ihre Erinnerungen, die nicht auf einem Tagebuch fußen, für die Familie nachträglich auf. Zu unmittelbaren Notizen hatte sie wohl keine Zeit, denn dann, wenn etwas passierte oder die anderen feierten, musste sie arbeiten und konnte höchstens mal einen Blick um die Ecke auf Staatsgäste riskieren. Auch aus diesem Grunde fehlen Beobachtungen, die mir aus anderen Lebensgeschichten dieser Zeit bekannt sind. Gefühle, unmittelbare Gedanken und persönliche Bewertungen kommen zu kurz. Land und Leute werden oberflächlich vorgestellt, man kann sich die Umgebung selten, das Verhalten der Einheimischen wenig vorstellen, auch wenn die Autorin über ihre Ausflüge an den freien Tagen berichtet. Probleme außerhalb der Küche tauchten anscheinend nicht auf oder wurden ohne innere Beteiligung gelöst bzw. ertragen, kein Erstaunen, keine Empörung, keine Aufregung, die man miterleben könnte. Die Entwicklung hin zur Revolution war für Lore Trenkler selbst nicht nachvollziehbar, weil sie abgeschlossen im Palastareal wie auf einer Insel lebend wenig mitbekam und die Sprache nicht ausreichend verstand. Möglicherweise ist es auch Loyalität dem ehemaligen Arbeitgeber gegenüber, die sie hindert, die Situation ungeschminkt wiederzugeben. Möglicherweise sind negative Erinnerungen schnell verblasst. Das Ende des Kaiserreichs wird auf wenigen Seiten abgehandelt und was muss es da für Szenen gegeben haben! Am Ende entsteht kein alle Sinne ansprechendes Bild dieses Landes. Selbst die Tatsache, dass sie für den Kaiser noch kochte, als er bereits in Gefangenschaft war und die inhaftierten Frauen besuchte, wird recht lapidar abgehandelt. Zwar ist sie sofort überzeugt, dass der Kaiser ermordet wurde, Konflikte, Ängste, Fantasien bleiben jedoch außen vor oder wurden nicht wahrgenommen. Im Vordergrund steht leider der Speisezettel. Dennoch hat der Text seinen Reiz, da er eine Kulisse schildert, in die Außenstehende nur wenig Einblick bekamen. Selbst für Freunde brauchten einen Passierschein, um Lore Trenkler zu besuchen. Für den Blickwinkel aus der Küche gibt es keine Parallele. Auch wenn sich freundschaftliche Beziehungen zur Arbeitgeberfamilie auf Kekspakete für die kaiserlichen Kinder zu Weihnachten beschränken, zumindest wurden ausländische Bedienstete zuvorkommend leutselig behandelt. Der exotische Glanz im Umkreis des Kaisers, der fast wie ein pater familias rüberkommt, wird aufs Menschliche reduziert. Der Herausgeber hat die Personen und Ereignisse sinnvollerweise verifiziert und im Anhang für das Verständnis unerlässliche Informationen gelistet. Christof Hamann, Alexander Honold,  Kilimandscharo. Die deutsche Geschichte eines afrikanischen Berges Liebevoll gestaltet ist das schmale Bändchen aus dem Wagenbach-Verlag über den ehemals "höchsten deutschen Berg", über den laut Vorwort unerschöpfliches Material vorliegt. Der Text entstand im Rahmen eines Seminars der Universität Basel durch zwei nicht bergsteigende Germanisten. Ethnologen hätten das Thema sicherlich unter ganz anderem Blickwinkel bearbeitet. Ein einleitendes Kapitel befasst sich zunächst ganz allgemein mit der Kulturgeschichte des Bergsteigens am Beispiel der Alpen und zeigt, wie sich das Interesse an der Natur global entwickelte. Forschungsreisen werden bewertet als Rückfall der Reisenden auf die Stufe der Jäger und Sammler auf höherem Niveau.  Anreiz in die Ferne zu reisen war die Provokation in Gestalt von Mythen, Gerüchten und Geheimnissen, denen man im 19. Jahrhundert auf die Spur kommen wollte wie z.B. dem Ursprung des Nils. Dabei holen die Autoren bis zur Antike aus, die Geduld desjenigen, der angelockt vom Untertitel etwas über die Kolonialzeit erfahren will, wird auf eine harte Probe gestellt. Erst auf Seite 58 beginnt die Darstellung der Geschichte des Berges und seine Rolle im Streit der internationalen Geographen. Über die ersten Besteigungsversuche von Deutschen berichteten schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die ersten Familienzeitschriften und betonten die dabei nötigen Entbehrungen und heroischen Opfer. Trotz Abbruch der Versuche wurde Baron von der Decken in Europa enthusiastisch gefeiert. Die Gartenlaube rief zu Spenden für verschollene Forscher auf, die ausgezogen waren, um die potentiellen  Käufer deutscher Waren erst einmal zu entdecken und dann zu erobern. Derartige Ziele wurden verschleiert mit der geographischen Erschließung, die einen anscheinend verlockend leeren Raum erfasste. Deutscher Erstbesteiger war 1889 der thüringer Verlegersohn Hans Meyer, dessen Herkunft, Motive und Vorgehensweise geschildert werden. Die Germanisten untersuchen die Wortwahl seiner Berichte und welche Rückschlüsse hinsichtlich ihrem Verhältnis zu den Einheimischen und dem Objekt ihrer Begierde daraus zu ziehen sind: Bewertung des Dienstpersonals, Vorurteile, Disziplinierung durch Arbeit und Grenzziehungen. Einer Legende zufolge war es Meyer zu verdanken, dass der große Vulkan bei der Grenzfestlegung der Kolonialstaaten am Verhandlungstisch zur deutschen Kolonie Ostafrika geschlagen wurde. Tatsächlich macht die Grenze hier einen merkwürdigen Knick. Meyer brachte vom höchsten Punkt dem Kaiser einen Stein mit, den dieser in den Wandschmuck eines Saals im Potsdamer Schloss einbetonieren ließ. Anfang der 1980er Jahre ließen Wissenschaftler alle Steine dieses Saals bestimmen und fanden heraus, dass das Kilimandscharo- Mitbringsel nicht aus Lava sondern aus einem Gestein bestand, das nirgends dort vorkommt. Ein Bauarbeiter hatte bei Renovierungsarbeiten nach dem Zweiten Weltkrieg das Stück versehentlich mit seiner Leiter herausgebrochen und durch einen Schotterstein des Vorplatzes ersetzt. Carl Peters und Paul von Lettow-Vorbeck waren maßgeblich an der Inbesitznahme der Region involviert, der erste als brutaler Eintreiber von Erwerbsverträgen mit Schutzbrief des Reiches, der zweite als General von Askaritruppen in Kämpfen gegen englische Angreifer. Der Kilimandscharo blieb Sehnsuchtsgegenstand bis in die Nazizeit: Vermessen, Flora und Fauna erkunden, Proben abgreifen, Beschreiben alles wurde in den Medien begleitet und in Büchern literarisch verwertet. Selbst in der bildenden Kunst spielten Motive des afrikanischen Berges eine Rolle. Mit dem ersten Weltkrieg verloren die Deutschen ihre Kolonien und die Region kam unter englische Verwaltung. Erst ein Jahr nach der Unabhängigkeit Tansanias wurde die höchste Erhebung Kaiser-Wilhelm-Spitze umbenannt in Uhuru Peak. Bis in die Gegenwart übt der Berg seinen Reiz aus. Prominente, Journalisten und Pauschalreisende schleppen sich mit Trägern bergauf und veröffentlichen anschließend ihre Eindrücke. Das Büchlein ist ein netter, wenn auch oberflächlicher Einstieg, denn die Autoren werteten nur bereits publizierte Materialien aus, machten sich aber nicht die Mühe selbst in die Archive zu gehen. Ich könnte mir vorstellen, dass selbst in Tansania noch einiges schlummert, was sich auszuwerten lohnte.
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Was auf meinem Nachttisch liegt
Matthias Lohre, Das Erbe der Kriegsenkel. Was das Schweigen der Eltern mit uns macht, 2016 Immerzu das Gefühl, zu wenig zu leisten, mit dem Opferstatus nur zu kokettieren, weil man -verglichen mit den Eltern, die den Krieg erlebt haben- nur auf vermeintlich hohem Niveau klagt, der Heimatlosigkeit, Existenzangst im Nacken und Bindungsproblemen und das alles, obwohl man einen festen Job, genug Geld hat und gesund ist. Ist das nicht verrückt, fragt sich der Autor. Indiz für tieferliegende Ursachen ist der Ausspruch: „Ich kann nicht klagen“ statt „Mir geht es gut“. Die Geburtsjahrgänge zwischen 1955 und 1975, die Lohre unter dem Begriff Kriegsenkel zusammenfasst, bestimmen zur Zeit Wirtschaft und Politik. Viele fragen sich in der Lebensmitte, warum sich trotz Wohlstand nicht die erhoffte Gelassenheit einstellt. Warum haben so viele Burnout? Was drängt sie dazu, immer mehr leisten zu müssen, obwohl sie nichts als innere Ruhe ersehnen? So unterschiedlich die Lebensläufe sind, so verbindet viele Betroffene mangelndes Selbstwertgefühl, extreme Schuldgefühle und diffuse Angst. Lohre forscht nach Gründen in seiner Familiengeschichte. Der Vater schlug grundlos oder hatte unerklärliche Wutausbrüche, die Mutter verhüllte durch eine dumpfe Sprachlosigkeit das Elternhaus mit einem Grauschleier. Jede kindliche Lebensfreude überforderte die Eltern. Warum überforderte sie das, obwohl sie selber weder Bomben, Flucht noch Terror  erlebt hatten? Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass die Traumageschichte bis zu den vom Ersten Weltkrieg geschockten Großeltern zurückreicht. Die Kinder spürten die nie besprochene Verletzung und suchten die Schuld dafür bei sich, denn Kritik an den Eltern wurde als Verrat empfunden. Dieser Umgang mit der Geschichte verhindert die Auseinandersetzung. Als weitere Wurzel des Übels benennt der Autor die Lungenfachärztin Johanna Harrer mit ihrem Erziehungsratgeber „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“, der die Kinderaufzucht seit der Nazizeit mit Erziehung zu Disziplin und Beziehungsarmut prägte. Elterliche Zuneigung wurde darin als „Affenliebe“ disqualifiziert. Die jüngste Auflage des Buches erschien 1987, nur von Ideologie bereinigt. Kriegsenkel kennzeichnet eine außergewöhnliche Loyalität mit den Eltern, die alles entschuldigt. („Sie meinten es doch nur gut.“) Die verständliche Wut über deren Sprachlosigkeit verwandelt sich bei der nächsten Generation in Arbeitswut und ist eine andere Form der Depression und Aggression gegen sich selbst. Wer glücklich werden will, fühlt sich schnell als Verräter an den unglücklichen Eltern.  Viele Kriegskinder mussten zu schnell anstelle ihrer traumatisierten Eltern Verantwortung übernehmen, wurden in die Rolle des fehlenden oder unzulänglichen Partners gedrängt. Das erschwert ein eigenständiges Leben. Den Betroffenen blieben die eigenen Bedürfnisse fremd. Während Töchter sich laut einer Studie oft besonders sozial engagieren, treten Söhne betont pflicht- und leistungsbewusst auf. Selbstkontrolle wird zur zweiten Natur. Wer nicht weiß, was er empfindet und braucht, stützt sich auf den Verein, die Partei, den Arbeitgeber oder eine Ideologie und überwindet durch Identifikation gleichzeitig das Gefühl der Ohnmacht. Sich zu schwören, es ganz anders als die Eltern machen zu wollen, befreit nicht aus der unbewussten Falle. Nur Erinnern und sich selber wichtig Nehmen gibt die Möglichkeit zur Versöhnung und einen Ausweg aus dem Kreislauf, sich verausgaben zu müssen, um sich als wertvoll zu erachten. Versuchten die Kriegskinder dem durch Gründung einer eigenen Familie zu entkommen, binden sich die Enkel spät und trennen sich leicht, misstrauisch gegenüber jeder Stabilität. Der Umgang mit den schmerzlichen Erkenntnissen birgt die Lösung, denn wer versteht, resümiert Lohre, kann sich und anderen besser Grenzen setzen. Wer loslässt, was gefangen hält, verliert nichts, sondern gewinnt an Freiheit. Ein lesenswertes Buch, das anschaulich aufzeigt wie Verständnis und Versöhnung gelingen kann. I
Abbas Khider, Ohrfeige, Hanser 2016 Der 1973 geborene Autor Abbas Khider flüchtete 1996 aus dem Irak und lebt seit 2000 in Deutschland. „Ohrfeige“ ist sein vierter, und mit 155 Seiten nicht sehr umfangreicher Roman. Auf der Buchmesse in Leipzig war im Interview zu erfahren, dass er natürlich autobiographisch sei, die Merkmale der Protagonisten jedoch frei erfunden. Der Roman ist weitgehend ein Monolog von Karim, mit einer Beichte vergleicht er ihn, entsprechend einfach ist die Sprache des Ich- Erzählers. Vom literarischen Standpunkt hätte ich von einem Betroffenen mehr Reflexion und Tiefgang erwartet und weniger Häufung von Klischees und Schwarz-weiß-Malerei. Der Flüchtling Karim Mensy kommt ins Ausländeramt um sich zu verabschieden, da sein Asylantrag nach drei Jahren Warterei abgelehnt ist. Er hat einen Schlepper gefunden, der ihn nach Finnland bringen wird. Seine Sachbearbeiterin hat ihm niemals richtig zugehört. Jetzt ohrfeigt, fesselt und knebelt er sie, um sie zu zwingen, ihn endlich anzuhören. Damit der Leser die Adressatin nicht vergisst, spricht er die Frau immer wieder an. Er spricht aber Arabisch und sagt: „Auch wenn Arabisch Ihre Muttersprache wäre, würden Sie mich nicht verstehen.“ Der vom Vater im Irak bezahlte Schlepper, der ihn eigentlich bis Paris bringen soll, setzt ihn einfach in der bayerischen Provinz ab. Ganz anders als bei Katrin Okumafis, „Kein Fleckenwasser für Leoparden“, das die Integrationsbemühungen eines Schwarzafrikaners zum Thema macht, auch dies autobiografisch, beschränkt sich Khider auf die reine Asylverfahrenszeit. Dennoch ist ein Vergleich der zugrundeliegenden Erfahrungen interessant. Immigranten versuchen zuerst, mit einer ergreifenden Geschichte ihre Bleibechancen zu erhöhen. Das Ausländeramt sei die kreativste Textwerkstatt, sagte Khider auf der Messe. Darüber hinaus gibt es unterschiedliche Tricks, mit denen der Aufenthalt erträglich gemacht wird. Während Schwarzafrikaner sich eher brüderlich unterstützen, jedenfalls in der 90er Jahren, findet sich bei den Arabischstämmigen für alle Irrwege des Exils ein Vermittler, der ordentlich abkassiert: Jobs, Geldtransfer in die Heimat, eine Braut gibt es in den sogenannten Kulturvereinen. Auch mit deutschen Profiteuren, Voyeuren und Helfern, den einzigen Kontakten nach draußen, wechseln sie Opfer und Täterrolle, wie sowohl Abbas Khider als auch Okumafi zeigen. Die Abhängigkeiten gegenseitiger Abzocke und Hilfe untereinander bewahren nicht jeden davor, im Behördensumpf wahnsinnig zu werden. Auch die erzwungene Langeweile durch das Arbeitsverbot, Schwarzarbeit und miese Jobs sind beiden Gruppen bekannt. Besonders dramatisch verschlechtern sich die Verhältnisse durch den 11. September. Fällt es leichter sich in die Beamtin hineinzuversetzen, die ihre beschränkten Mittel gerecht verteilen will und entscheiden muss, wer lügt und wer mehr leidet, so ist es, wenn man nicht aus einer Familie mit geflüchteten Vorfahren kommt, schwieriger, sich in die Situation von Flüchtlingen hinein zu fühlen, die  gefoltert, ausgebombt oder „nur“ arm gewiss nicht freiwillig vor uns stehen. Es ging dem Autor darum, die Absurdität eines Lebens darzustellen, in dem Menschen weder in der Heimat noch in der Fremde ihren Lebensentwurf realisieren können, wo man einen Sprachkurs erst dann finanziert bekommt, wenn man ein Jahr gearbeitet hat, aber Arbeit erst findet, wenn man einen Sprachkurs absolviert hat. Trotzdem frage ich mich, ob es angesichts des gegenwärtigen Flüchtlingsdramas zweckdienlich war, ein Buch zu veröffentlichen, in dem Menschen ohne Fluchterfahrung die Undankbarkeit des Asylbewerbers für die Möglichkeit überleben zu dürfen herauslesen und demotiviert werden könnten weiter zu helfen. Kann gut sein, dass der Autor seinen Landsleuten keinen guten Dienst damit erwiesen hat.