Kreativ-Schreibstudio Dr. Aide Rehbaum Leseprobe
impressum  © rehbaum 2017
„Unglück im Hochadel. Gräfin verbrannt.“  So hätte die Headline der Tageszeitung am  14. Juni 1847 lauten  können. In der gesamten Darmstädter Gesellschaft war das am Vor-  abend Vorgefallene Stadtgespräch. Das Frankfurter Journal druckte in  seiner Beilage am 15. Juni 1847 den Bericht eines Augenzeugen.  Dieser befand sich auf dem Heimweg vom Hotel Köhler, als er den Ruf  „Feuer!“ und gleichzeitig das Geräusch zersplitternden Glases hörte.  Am Beginn der Neckarstraße kam ihm ein Knabe mit Angstgeschrei  entgegen, dass es im Hause des Grafen von Görlitz brenne. Auf  halbem Wege sah er eine Menschenmenge sich auf das Haus zube-  wegen. Der Journalist ergänzte die Fakten durch verschiedene Überle-  gungen zur Entstehung des Feuers.  Was war wirklich passiert?  Nachdem gegen 22 Uhr 30 Rauch aus einem verschlossenen  Zimmer des Hauses Neckarstraße 81 gedrungen war, hatten der Haus-  herr, Graf von Görlitz und einige Helfer die Tür aufbrechen lassen und  seine Frau halb verbrannt tot auf dem Boden liegend gefunden. Der  Ehemann war untröstlich.  Die einen Helfer dachten: „Sie muss bei ihrer Arbeit einge-  schlafen und von einer heruntergebrannten Kerze erfasst worden sein.“  Andere spekulierten: „Weshalb war überhaupt abgeschlossen? Wo war  der Schlüssel, der doch innen hätte stecken müssen? Sie wollte doch  nicht etwa Selbstmord begehen?“ „Ob jemand das Feuer gelegt und  dann von außen abgeschlossen hat?“. munkelten dritte. „Oder hat man  den Schlüssel in der allgemeinen Aufregung übersehen?“  Es war ein Rufen und Hin- und Hergerenne mit Eimern voller Lösch-  wasser gewesen, Passanten waren von der Straße hereingekommen,  andere hatten von einer Leiter aus mehrere Fenster eingeschlagen,  während Dritte, um dem Feuer mögliche Nahrung zu entziehen, einen  Stuhl auf den Hof geworfen hatten.  Es dauerte eine Weile, bis der herbeigerufene Hausarzt Dr.  Stegmaier eintraf und den Tod offiziell feststellte. “Ein klassischer Fall  für plötzliche Selbstentzündung“, mutmaßte er spontan. Im Laufe der  Nacht, als er seine Beobachtungen noch einmal Revue passieren ließ,  verdichteten sich jedoch seine Zweifel. Was, wenn es sich um einen  Mord mit anschließender Verbrennung handelte?  Das Stadtgericht reagierte auf den Verdacht Dr. Stegmaiers zwar  mit Untersuchungen. Das Hofgericht verfügte jedoch die Einstellung der  Nachforschungen. Rechtsanwalt Buchner bezeichnet dies als juristi-  schen Missgriff, der zu Recht öffentlich getadelt wurde. Was Wunder,  dass die lahme Untersuchung die bösartigen Gerüchte schürte, der  Ehemann würde von höchster Stelle protegiert, ein weiteres nur zu  klares Beispiel von der Ungleichbehandlung der Stände.  Die Atmosphäre im Jahr vor der Revolution war höchst  angespannt. Unzufriedenheit und Protest gärten im Volk seit die Karls-  bader Beschlüsse von 1819 die Errungenschaften der Französischen  Revolution wieder rückgängig gemacht hatten. Politische Betätigung  war riskant, eine strenge Pressezensur legte offener Meinungs-  äußerung einen Maulkorb an. Kritik an der Obrigkeit erschöpfte sich  hinter vorgehaltener Hand.  Ein Artikel im „Deutschen Zuschauer“, der die Ermordung der  Herzogin von Praslin durch ihren Ehemann in Paris als Parallele zum  Darmstädter Fall ausschlachtete, kippte Öl ins Feuer. 
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Leseprobe eines meiner Bücher

Flammentod im Grafenhaus